Tagung ​„Antisemitismus an Gedenkstätten“

Bundesweite Tagung ​„Historische Verantwortung und gesellschaftliche Relevanz – Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus an Gedenkstätten und Erinnerungsorten“,​​ 09.09.2026 in Essen

Bei der KOVA-Fachtagung am 9. September kamen etwa 80 Teilnehmende aus Gedenkstättenarbeit, Wissenschaft, Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft zusammen, um aktuelle Herausforderungen und Perspektiven für den Umgang mit Antisemitismus an Erinnerungsorten zur NS-Geschichte zu diskutieren. Veranstaltet wurde die Tagung vom Anne-Frank-Zentrum und dem Bundesverband RIAS. Das NS-Dokumentationszentrum war mit Hans-Peter Killguss und Daniel Vymyslicky als Referenten, sowie weiteren Kolleg*innen vertreten. Die Veranstaltung war restlos ausgebucht – ein Zeichen dafür, wie groß der Bedarf an fachlichem Austausch zu diesem Thema ist.

Nach Grußworten von Sylvia Löhrmann (Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur) und Veronika Nahm (Anne-Frank-Zentrum) führten Dr. Tanja Kinzel und Andreas Nowak (Bundesverband RIAS) in den Tag ein und stellten die Ergebnisse der KOVA-Bedarfserhebung vor.

Das erste Panel behandelte antisemitismuskritische Zugänge an Gedenkstätten. Zwei Referent*innen stellten ihre Projekte vor und sprachen anschließend über die Chancen und Hürden, die sich dabei zeigten: Dennis Forster (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) stellte das Projekt „ReRemember“ vor, in dem sich Jugendliche mit und ohne Migrationsbiografie über Workshops, Dialog und Theaterpädagogik intensiv mit Antisemitismus und Rassismus auseinandersetzen. Forster berichtete, dass viele Teilnehmende im Projektverlauf eigene antisemitische Vorurteile reflektierten. Das Projekt wurde inzwischen mehrfach durchgeführt. Bei einzelnen Teilnehmenden mit bereits stark ausgeprägten antisemitischen Einstellungen blieb die Empathie gegenüber Betroffenen jedoch bis zum Ende, wie Forster es formuliert, „brüchig“.

Dr. Linda Giesel (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz) berichtete über das Projekt „Strukturen schaffen gegen Antisemitismus in Gedenkstätten“. Die im Rahmen des Projekts durchgeführte Bedarfserhebung zeigte nach ihrer Darstellung unter anderem Defizite im inhaltlichen Verständnis von Antisemitismus, eine Tendenz zur Historisierung des Phänomens sowie eine teilweise geringe Dringlichkeit bei der Dokumentation antisemitischer Vorfälle. Giesel betonte daher die Bedeutung einer kontinuierlichen institutionellen Auseinandersetzung und fest verankerter Strukturen für den Umgang mit entsprechenden Vorfällen.

Im zweiten Podiumsgespräch diskutierten Stefan Querl (Geschichtsort Villa Ten Hompel), Daniel Vymyslicky (Fachstelle gegen Antisemitismus, NS-Dokumentationszentrum Köln), Dr. Ulrike Schrader (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal) und Werner Brall (Arbeitskreis Jüdisches Bethaus Issum) über aktuelle Herausforderungen und Ansätze für die Arbeit an Gedenkstätten angesichts des Anstiegs antisemitischer Vorfälle. In der Diskussion wurde unter anderem vor einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber Antisemitismus in Teilen der gesellschaftlichen Mitte sowie vor Defiziten in der schulischen und außerschulischen Vermittlung des Themas gewarnt. Zudem wurde auf Fortbildungsbedarf bei Pädagog*innen hingewiesen, insbesondere hinsichtlich aktueller Erscheinungsformen des Antisemitismus und ihrer Einordnung.

Daniel Vymyslicky betonte, dass Mitarbeitende an NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorten kontinuierlich über aktuelle antisemitische Erscheinungsformen und Symbole informiert werden müssen. Dies sei eine wichtige Voraussetzung dafür, antisemitische Vorfälle in und an den Einrichtungen frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf reagieren zu können. Für die Praxis forderte Dr. Ulrike Schrader zudem klare und formalisierte Ablaufpläne, die institutionell verankert und allen Mitarbeitenden bekannt sein sollten. Werner Brall und Stefan Querl sprachen sich zudem für einen intensiveren Austausch zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden aus.

Im Anschluss an die Panels fanden verschiedene Austauschräume für die Handlungspraxis statt. Hans-Peter Killguss leitete den Austauschraum „Aktueller Rechtsextremismus als Herausforderung für die Gedenkstättenarbeit zu NS-Unrecht“. Auch weitere anwesende Mitarbeiter*innen des NS-DOK beteiligten sich an den verschiedenen Workshops und am fachlichen Austausch mit den Teilnehmenden.

Als wiederkehrende Themen zogen sich durch die verschiedenen Beiträge die wachsenden Herausforderungen im Umgang mit Antisemitismus an NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorten. Viele Redner*innen berichteten über einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle an ihren Einrichtungen seit dem 7. Oktober 2023. Mehrfach bekräftigt wurde die Bedeutung fester Strukturen im Umgang mit Antisemitismus, etwa klare und sichtbare Ablaufpläne, eindeutige Zuständigkeiten und die systematische Bearbeitung von Vorfällen. Darüber hinaus müssten sich Mitarbeitende an NS-Gedenkstätten kontinuierlich mit aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus auseinandersetzen.

Die Tagung bot Raum für unterschiedliche Perspektiven und einen intensiven fachlichen Austausch. Mehrere Teilnehmende äußerten zum Abschluss den Wunsch nach zusätzlichen Möglichkeiten für Austausch und Diskussion, was zeigt, wie groß das Interesse an dem Thema ist.

Foto © Anne Frank Zentrum, Foto Daniel Grünfeld